Ich will einen hochauflösenden Scan der Rechnung!

Gefllt mir nicht

Als Antiquarin pflege ich zwei Spezialgebiete: Lippiaca (Bücher und Dokumente aus und über meine Heimat, das Lipperland) und historische Rechnungen und Briefköpfe. Übrigens lebe ich vom Handel mit diesen Dingen und muß vom Erlös meinen Lebensunterhalt bestreiten. Darum „freue“ ich mich immer ganz besonders über solche E-Mails:

Ich habe dieses Wochenende versuch Informationen über meine Familie zu finden. Bedauerlicherweise haben sich meine Vorfahren nicht wirklich Mühe gegben familiäres an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

Ich bin bei meiner Suche auf ein Schriftstück gestoßen, welches in Ihrem Besitz ist. Es handelt sich um folgende Rechnung:

5864x Letmathe – Max Schuchart. Zuckerwaren-Fabrik. Schokoladen. Kakao. Weihnachts- und Oster-Artikel. Rechnung von 1928.

Scannen Sie mir doch dieses Schriftstück in höchstmöglicher Auflösung und lassen es mir kostenfrei zukommen. Ich bin nicht daran interessiert eine Kopie weiterzukaufen brauche lediglich, ein Teil meiner Familie wiederzufinden. Leider habe ich kein Geld, aber ich will ja auch nur einen Scan und nicht das Original. Das ist ja bestimmt kein Problem.

Doch, das ist ein Problem für mich! Warum sollte ich meine Zeit damit vergeuden, Ihnen einen kostenlosen Scan anzufertigen? Warum kaufen Sie nicht einfach das Original? Damit wäre uns beiden geholfen: Sie haben ein Original-Dokument aus Ihrer Familie und ich einen kleinen Verdienst. Wirklich nur einen kleinen Verdienst, denn die angefragte Rechnung würde Sie nur 5,00 (in Worten: fünf) Euro kosten. Abzüglich meines Einkaufspreises, meiner Arbeitszeit für das Katalogisieren, Mehrwertsteuer und Einkommenssteuer bleibt da ein echtes Vermögen für mich übrig – ich bin eben wirklich ein echter Wucherer!

Freundlichkeit – auch einer Antiquarin gegenüber – weiß ich übrigens auch sehr zu schätzen. Ich finde, sie macht das Leben angenehmer. Auch in den Zeiten von Internet, E-Mail, Handy und Co. pflege ich einen höflichen Umgangston. Meine E-Mail beginnen mit einer Anrede (Guten Tag, Frau Müller!) und enden mit einem Gruß (Viele Grüße Martina Berg). Und wenn ich ein Anliegen habe oder mir geholfen wurde, dann verwende ich gern die Wörter „Bitte“ und „Danke“.

Ist es daher zuviel verlangt, wenn ich das auch von meinen Kunden erwarte?

Das erinnert mich an das Restaurant-Schild auf dem stand:

Sirup! – 2 Franken
Sirup, bitte – 1 Franken
Könnte ich bitte ein bisschen Sirup haben? – 0 Franken

Original hier.

Vielleicht sollte ich das bei mir auch mal ausprobieren? Rabatt für besonders freundliche Kunden – was halten Sie von dieser Idee?

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Über Martina Berg (409 Artikel)
Gebrauchtbuchhändlerin, Fotografin, Autorin und Bloggerin aus dem Lipperland. Mein Internet-Antiquariat "Die Bücher-Berg" finden Sie unter www.martinaberg.com. Eine Übersicht meiner weiterer Projekte finden Sie rechts im Menü.

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